Der Schandfleck

Überall in der Stadt hört man die Parole: „Der Schandfleck muss weg“. Den wollte ich mir genauer anschauen. Der „Holzerbau“ gehört nicht gerade zu meinem Revier und nach den Horrorgeschichten, die über seinen Zustand kursieren, schien mir eine gewisse Vorsicht angebracht. Von außen sah alles zwar ungepflegt aus, aber eine Ruine hatte ich mir anders vorgestellt. So beschloss ich, mir die nun schon leerstehenden Gebäudeteile auch von innen anzuschauen. Eines Nachts gelangte ich durch eine zufällig offenstehende Tür hinein. Die Räume sahen aus, wie eine Wohnung bei Mieterwechsel, nur manche Hinweisschilder verrieten noch etwas über ihre frühere Funktion. Während ich noch darüber grübelte, weshalb das schon genügte, den Bau als „Schandfleck“ abzustempeln, hörte ich plötzlich eine wehmütige Stimme: „Wenn Du noch ein bisschen Zeit übrig hättest, würde ich Dir meine Geschichte erzählen!“ Ich war so überrascht, dass ich nur noch ein knappes „Gerne!“ herausbrachte.

„Als Teil einer großstädtischen Vision in der Hegau-Metropole war ich von einem namhaften Architekten geplant worden. Gestalterisch und funktional ganz auf der Höhe der Zeit. „Bahnhofscenter“ wurde ich genannt. Es sollte eine ‚City‘ im Weltstadtformat entstehen. Ich sollte ein Teil davon sein und wurde überall gelobt. Darauf war ich auch ein wenig stolz …“

„Du solltest …?“

„Nur ein Teil wurde wie geplant fertiggestellt. Neben mir sollte ursprünglich noch so etwas wie mein Spiegelbild errichtet werden, aber dann kam ein anderer Investor … und auch ein Hochhaus war geplant – ganz so wie die alten Türme, die Du hier in der Landschaft überall als weithin sichtbare Symbole der Macht von Feudal-Geschlechtern sehen kannst – heute eben aus Glas und Beton. Aber daraus wurde nichts. Noch nicht. Die City entwickelte sich so, wie Du sie heute sehen kannst!“

„Vielleicht bezeichnet man Dich deshalb jetzt als Schandfleck, weil Du zu sehr an die ehrgeizigen Pläne von damals erinnerst, als ‚Torso der unerfüllten Träume‘?“

„Nein, das glaube ich nicht, denn ich konnte ja alle Erwartungen, die in mich gesetzt worden waren, erfüllen. Ich beherbergte wichtige Einrichtungen! Aber dann kamen Andere …und mit ihnen auch DAS Hochhaus! … Ein Mieter nach dem anderen verließ mich. Es gab plötzlich sehr viele attraktivere Angebote. Als der Hegau-Tower fertig war, brauchte man mich nicht mehr. Man hatte mich ersetzt. Es lohnte sich fortan nicht mehr, mich noch herauszuputzen, obwohl das – selbst heute noch – leicht möglich wäre. Mit ein paar Eimern Farbe hat man den Nachbarbau aufgehübscht … und alle sind begeistert. Architektonisch bin ich noch immer auf der Höhe der Zeit … oder man könnte mich leicht wieder darauf bringen! Auch könnte ich Funktionen übernehmen, die in einer lebenswerten Stadt gesucht werden: Markthalle, Gemeinschaftsräume für Bürgeraktivitäten, Jugendtreff, Wohnungen und und und … der Aufwand dafür wäre geringer als der Umbau von Parkdecks zu Verkaufsräumen … ich könnte … Aber nun kam wieder ein anderer Investor mit einem noch größeren Projekt, das wohl die ganze City ersetzen soll. Die Bürger sollen gar nicht darauf kommen, an Alternativen zu denken … zum großen Monopoly darf es keine Alternativen geben … Es soll doch nur ein Schandfleck beseitigt werden, der zu klein geworden ist und nicht mehr zum heutigen Größenwahn passt! So werde ich wohl verschwinden müssen … als Mitvierziger abgerissen!“

Sehr nachdenklich verließ ich den Holzer-Bau und mir fielen die Dichterworte ein: „denk ich an … Singen …in der Nacht …“ oder so ähnlich … Mein natürlicher Sinn für drohende Unbill meldet sich deutlich wahrnehmbar. Den meisten Zweibeinern fehlt dieser Sinn. Oder sie halten ihr „Bauchgefühl“ für ein Zeichen von Schwäche und ignorieren es bewusst. Stimmen deshalb so viele Bürger in den Chor der Promoter ein und plappern nach, dass der „Schandfleck“ verschwinden müsse, weil sonst Stillstand drohe? Oder wollen sie nur deutlich machen, dass sie nicht vorstellen können oder mögen, dass zukünftige Umbrüche die Bewohner auch hier in Singen vor ganz andere Herausforderungen stellen werden, als die Entscheidung für einen luxuriösen Konsumtempel, dessen Projektentwickler die Funktionsfähigkeit für 15 Jahre sicherstellen will? Natürlich nur im Rahmen der heute absehbaren Verhältnisse …?! Hilft es ihnen, aus der Tatsache, dass sich ein Großkonzern davon sehr viel Profit verspricht, Vertrauen zu schöpfen für ihre eigene Zukunft als sorglose Konsumenten? So, wie das laute Singen im finsteren Wald helfen soll?

fragt sich der streunende Stadtkater Murr