Singen

Nachhaltiges Wirtschaften

Die Stadt und Untersuchungen sprechen von bis 60 Millionen Euro zusätzlichem Umsatz für Singen. Eine riesige Summe und somit eine große Chance für Singen? Das Einzugsgebiet, auf das sich die Berechnung der BBE Studie stützt, lässt zumindest Zweifel an der Realisierbarkeit dieses zusätzlichen Umsatzes entstehen. Der Kaufkraftzuwachs bedient sich weiterhin der Annahme, dass viele Schweizer zusätzlich nach Singen zum Einkaufen kommen. Dieser Zustrom ist aber stark abhängig vom Frankenkurs. Das ECE wird über Jahrzehnte das Bild der Stadt prägen – eine Änderung des Wechselkurses kann allerdings von heute auf morgen stattfinden.

Welche Auswirkungen hat ein ECE auf die Stadtwirtschaft und jeden einzelnen Bürger? Idealerweise profitiert jede/r Einzelne und die Gemeinschaft von diesem zusätzlichen Geld. Jedoch werden der Nettoertrag der Filialen und somit auch die Steuern, immer am Ort der jeweiligen Zentrale verbucht. Das ist üblicherweise nicht die Stadt, in der das Center steht, also auch nicht Singen. Aufgrund der geringen Personalkosten in den Filialen fällt auch die Gewerbesteuerzuweisung insgesamt niedriger aus. Die Mieten der bestehenden Gewerbeflächen in der übrigen Stadt sinken oder fallen bei Leerstand sogar gänzlich weg, was noch einmal ein niedrigeres Steueraufkommen bedeutet. Das zunächst nach Singen fließende Geld wird dadurch nur „durchgereicht“. Es wäre nicht die erste Stadt, die auch nach einer erfolgreichen ECE Ansiedlung trotzdem schlechter dasteht als vorher.[1]

[1] Wirkung innerstädtischer Einkaufszentren auf die Stadtwirtschaft in Mittelzentren – Beispiel: ECE Stadtgalerie Hameln, S. 51 f.)

AUSBILDUNGS- UND ARBEITSPLÄTZE

Welche Auswirkungen hat dies auf die Arbeitnehmer und Bewohner? Kein Arbeitgeber kann Umsatzeinbußen verkraften, wie sie in der BBE Studie genannt werden. Vergleichbare ECE Ansiedlungen, bspw. in Hameln, zeigen, dass trotz neuer Unternehmen keine zusätzliche Anzahl an Arbeitsplätzen entsteht. Bestehende Arbeitsplätze verschwinden. Filialisierte Unternehmen beschäftigen pro Quadratmeter weniger Mitarbeiter. Die Konsequenz daraus zeigt die Langzeitstudie aus Hameln: Es entstehen zwar sogenannte Minijobs, gleichzeitig fallen aber viele Vollzeitstellen weg. Hinterfragen sollte man auch die Qualität der Arbeitsplätze. Viele der üblichen Unternehmen, die sich in einem ECE ansiedeln, bilden kaum oder gar nicht aus. Gerade eine abgeschlossene Ausbildung ist jedoch der Grundstein für ein erfolgreiches Leben – auch in Singen.

ZUKUNFTS- ORIENTIERTE STADTPLANUNG

Der mögliche Bau des ECE-Centers auf dem Holzerareal ist die Quittung, für jahrelang versäumte Stadtplanung. Das Problem ‚Holzerareal‘ staute sich auf, bis zu dem Punkt, an dem ein Millionen-Investment erforderlich wurde, um es anzugehen. Die Stadtpolitik ließ sich hier ohne Not Gestaltungsmöglichkeiten nehmen – nun wird das ECE-Investment als „alternativlos“ hingestellt. Am liebsten wäre es der Stadt, wenn ECE auch noch den Bahnhofsvorplatz auf Vordermann bringt, denn so kann der Kämmerer positive Zahlen präsentieren und in der Innenstadt ist trotzdem etwas passiert.

Eine weitsichtige Stadtplanung muss anders aussehen!

Singen hat eine lebendige, organisch gewachsene Innenstadt, die mit der Stadtbibliothek zudem noch einen kulturellen Anlaufpunkt besitzt. Dringend benötigt sind Aufenthaltsorte, wie Cafès oder karikative Treffpunkte. Gut strukturierte Grünflächen wären ein weiterer Punkt, der die Innenstadt attraktiver machen kann. Die Ansiedlung eines Betonklotzes, in welchem Centereigene Rechte gelten, funktioniert nur, weil man seitens der Stadt keine Vision für einen Innenstadt besitzt, die abseits der Einkaufsfunktion liegt. Es gibt keine Kreativität, die die „Einkaufsstadt Singen“ bereichern würde. Hinzu kommt, dass die Entwickler des Shoppingcenters auf die Stadtverwaltung zukamen und nicht andersherum. Das bedeutet, dass die Stadt Singen nur wenig dabei mitzureden hat, wie der mögliche Bau aussehen soll. Betrachtet man die Ausführungen zur ‚Nachhaltigen Stadtentwicklung‘, herausgegeben von der Konrad-Adenauer-Stiftung, dann liest man zum Thema Stadtplanung: „Dabei wird zunehmend deutlich, daß die positive Wirtschafts- und Sozialentwicklung der Kommune immer stärker von einer zukunftsorientierten Gestalten der gebauten städtischen Umwelt abhängt.“[1] Zu den Querelen, bezüglich der Konkurrenz zu Radolfzell und Konstanz, sowie der geplanten Grüße sei ebenfalls aus dem genannten Schreiben zitiert: „Zu großes Flächenangebot in der Region überfordert den Markt. Deshalb werden regionale und kommunale Strategien in ein Gesamtkonzept integriert. Die einzelnen Kommunen erhalten mehr Gewicht, wenn sie im Verbund „mit einer Stimme sprechen“.“[2] Es wäre zu wünschen, dass sich die demokratisch legitimierten Stadtvertreter besinnen und eigene Ideen voranbringen und eine Strategie für Singen entwickeln, die diese Stadt wirklich voranbringen.

[1] Dr. Henning Walcha, Nachhaltige Stadtentwicklung. S. 6.

[2] ebd., S.17.

EINE EINZIGARTIGE STADT

Das Arbeitsblatt ‚Nachhaltige Stadtentwicklung‘ der Konrad-Adenauer-Stiftung hält eine Kooperation von Ober– und Mittelzentren für wichtig, damit sinnvoller Wachstum einer Stadt gewährleistet ist.

„Städte können sich nur dann nachhaltig entwickeln, wenn sich die Region stark präsentiert. Die Region ihrerseits lebt von der nationalen/internationalen Ausstrahlung ihrer Städte. Basis starker Impulse: Neues, noch Unbekanntes in die Region holen! Dabei erhalten neue Kulturimpulse einen hohen Stellenwert.“[1]

Die Region hat genügend Shoppingcenter; Singen hat vielmehr mit dem Holzerareal die Chance, positiv hervorzustechen und durch Kreativität, Innovation und Nachhaltigkeit zu glänzen. Für Singens Innenstadt wäre es wichtig, eine Bebauung zu haben, die architektonisch und funktional einzigartig ist. Eine Nutzung von der Besucher sagen, dass sie so etwas nicht aus Konstanz oder anderswo kennen. Warum ruft die Stadt nicht einen ‚Wettbewerb der Ideen‘ aus, bei dem jeder Bürger aufgerufen ist, sich in der Planung seiner Stadt einzubringen? Das brachliegende Areal bietet eine Chance, die für viele Städte nicht existent ist: Eine durchdachte Nutzung von innerstädtische Fläche. Eine Chance, die Innenstadt modern, urban und lebenswert zu denken – weg vom reinen Einkauf. Das Holzerareal könnte ein Ort des Einkehrens werden, des ‚sich-begegnen‘ und  –freilich – des Einkaufs. Das muss nicht mit einem Investment geschehen, es kann auch von der Stadt und ihren Bürgern ausgehen. Diese Gelegenheit sollte Singen nutzen.

[1] ebd., S.17.

EINE LEBENSWERTE INNENSTADT

Eine lebenswerte Innenstadt bietet Vielfalt und Erlebnis, eine ansprechende Architektur und Straßengestaltung. Grünflächen, attraktiven Wohnraum. Innerstädtischer Handel prägt das Stadtbild und bietet inhabergeführte Geschäfte und Filialisten sowie kleinere und größere Geschäfte.

Innerstädtisches Wohnen erlebt in den letzten Jahren eine Renaissance, die durch eine Rückbesinnung auf die Traditionen der Stadtgestaltung geprägt ist.

Moderne Stadtplanung verbindet die Vorzüge städtischen Lebens mit sozialer und wirtschaftlicher Durchmischung und mit einer erheblichen Einsparung von Ressourcen (etwa im Hinblick auf Anfahrtswege, Heizkosten und Infrastrukturkosten).

Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte und Gemeindebundes definiert lebenswerte Innenstädte wie folgt:

„Mit einer guten Innenstadtgestaltung, Atmosphäre und Erlebnischarakter haben viele Städte und Gemeinden in Deutschland in den vergangenen Jahren ihre Attraktivität positiv beeinflusst. Der zunehmende Online-Handel bedroht allerdings unsere Innenstädte. Experten prognostizieren, dass im Jahr 2025 bis zu 25 Prozent des gesamten Einzelhandels über das Internet laufen wird. Dies wird nicht spurlos an unseren Innenstädten vorbeigehen. Leere Schaufenster in unseren Innenstädten führen zu einer Abwärtsspirale, die Zentren verlieren an Attraktivität.

Dieser Entwicklung muss aktiv gegengesteuert werden, denn die Innenstadt ist das „Gesicht einer Stadt“ und die Visitenkarte gegenüber Besuchern und Touristen.[1] Sie steht für Identität, Kultur und Lebensqualität und gewährleistet häufig Wirtschaftskraft sowie Arbeitsplätze. Städte und Handel müssen daher „an einem Strang ziehen“, um unsere Innenstädte langfristig attraktiv zu erhalten.

Aus Sicht der Kommunen können gestalterisch gelungenen Einkaufsstraßen und Plätzen mit hoher Aufenthaltsqualität sowie gute Wegebeziehungen zwischen den Einzelhandelslagen helfen, die Attraktivität zu erhöhen. Auch die Schaffung von „grünen Ruheoasen“ ist wichtig. Ganz entscheidend ist zudem die Gewährleistung von Sicherheit und Sauberkeit, damit die Menschen sich in den Zentren wohlfühlen können. Die Förderung des kulturellen Lebens sowie die gute Erreichbarkeit speziell der Innenstädte durch den ÖPNV sind weitere wichtige Aspekte. Immer häufiger stellen Städte und Gemeinden zudem interkommunal abgestimmte Einzelhandelskonzepte zur Sicherstellung der verbrauchernahen Versorgung auf.

Der stationäre Handel muss sich seinerseits klarer auf seine Stärken besinnen. Der Einkauf in der Innenstadt muss zum „Erlebniseinkauf“ werden, der zum Beispiel durch Angebote zur Kinderbetreuung, durch Ruhe- und Kommunikationsräume oder durch ausgefallene Verkaufsaktionen abgerundet wird. Der Handel funktioniert nur mit, und nicht gegen das Internet!

Stadtentwicklung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die alle angeht!“

Singen ist geprägt durch seine übersichtliche, reißbrettartige Struktur mit eher kleinteiligen Gebäuden. Ein Gebäudekomplex mit einer Länge von ca. 225 Metern und einer Nutzfläche von über 20.000 Quadratmetern würde sowohl der städtebaulichen Struktur, als auch der Urbanität Singens zuwider laufen. Ein derartiger Gebäude-Koloss als Einkaufszentrum wäre weder modern noch urban. Er diente einzig und allein dem Zweck des großflächigen Einkaufens. Alle oben genannten Aspekte einer lebenswerten Innenstadt würden durch ein geschlossenes Center dieser Größenordnung nachhaltig gestört. Im Hinblick auf künftige Entwicklungen und Anforderungen an eine moderne Innenstadt wäre ein derartiges Center verkehrt.

[1] http://www.dstgb.de/dstgb/Homepage/Aktuelles/2015/Erlebnis%20Einkauf%20st%C3%A4rken/